Tai Chi Artikel im (K)ulturmagazin

Das Chinesische Schattenboxen verbindet Selbstverteidigung, Gesundheit und Meditation. Für manche wird "Tai Chi Chuan" sogar zu einer Lebensaufgabe.

Die langsam ausgeführten, sanft anmutenden Bewegungen der Schattenboxer dürfen nicht über die Tatsache hinwegtäuschen: Aller Anfang ist schwer, auch und gerade der des Tai Chi Chuan. Furchtbar anstrengend sogar. Im Stehen soll man entspannen, das Gewicht halten. Man wackelt aber und fühlt sich alles andere als entspannt. Tausend Dinge gehen durch den Kopf, wenn der "Weg nach Innen" beschritten werden soll - von meditativer Stimmung keine Spur. Spätestens nach fünf Minuten bricht sich der fragende Gedanke Bahn: Warum tue ich mir das an?

Die Antwort liegt in uns. "Wir haben eine Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung", sagt Armin Fabian schlicht, "aber der Weg dahin fällt uns unheimlich schwer." Fabian meint nicht die temporäre Entspannung in der Wellness-Bude oder Kellersauna. Er spricht vielmehr in klarer, sympathischer Weise von trainierter Aufmerksamkeit gegenüber inneren und äußeren Bewegungen, von Konzentration und Kultivierung der Sinne, auch von der fließenden Energie zwischen Weichheit und Kraft, Erde und Himmel, Yin und Yang. Kurz: Er spricht von einem ausgeglichenen Leben durch Tai Chi Chuan.

Das Ziel des Zentrierens

Tai Chi Chuan, auch chinesisches Schattenboxen genannt, ist eine Jahrhunderte alte, im Kaiserreich China entwickelte "innere" Kampfkunst, die Aspekte der Selbstverteidigung mit Gesundheit und Meditation verbindet. In der Volksrepublik China ist Tai Chi Chuan in zumeist stark vereinfachter Form ein Volkssport, in den städtischen Parkanlagen sieht man in den Morgenstunden hunderte Menschen beim Üben der Bewegungen. Tai Chi Chuan wird deshalb häufig als Gymnastik betrachtet, die nebenbei der Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation dienen könne. Besonders im Westen tritt der Kampfkunstaspekt häufig hinter diesen Erscheinungen zurück, zumal die meisten Lehrer nur eine kurze oder nicht hinreichend fundierte Ausbildung genossen haben und mit den energetischen, inneren Aspekten selbst nicht im nötigen Maße vertraut sind.

Armin Fabian aber weiß: "Tai Chi Chuan ist Kampfkunst, kein Badminton". Die Betonung liegt auf Kunst, nicht Sport: Eine Kunst der Bewegung in studierten Formen, weich wirkend, fließend wie Wasser, ausdrucksstark, dabei nicht tänzerisch. Erstes Ziel ist, sich "zu zentrieren", die Haltung zu korrigieren, körperliche Blockaden zu erspüren und zu lösen. Die einzelnen Formen des "Schattenboxens" vollziehen sich in vorgegebenen Bewegungen, deren Grundlagen das meditative Stehen und die "Seidenfadenübungen" bilden. Es gilt, einen Ablauf von Haltungen und Bildern zu lernen, die sich schrittweise zu einer "Form" vereinheitlichen. Langsamkeit ist dabei Trumpf: Die einzelnen Bewegungen der klassischen Form etwa, der Lao Jia Yi Lu, es sind 76 an der Zahl, nehmen annähernd eine halbe Stunde in Anspruch.

"Tai Chi Chuan ist nicht etwa eine Geheimlehre für entrückte Eremiten oder vereinsamte Krieger", schreibt Michael Vorwerk, "es hat seinen Platz mitten im Leben". Z. B. in der Nische einer öffentlichen Grünanlage, in der Armin Fabian regelmäßig trainiert. Nicht halbstündig, sondern halbtäglich und ganzjährig, die abgetretene Grasnarbe im Park bezeugt es.

"Tai Chi lässt sich nicht bei einem Wochenendkurs lernen", meint Fabian, Jahrgang 68. Der gebürtige Franke begann mit elf Jahren Karate zu trainieren, machte sich mit Jiu-Jitsu sowie Taekwondo vertraut und wandte sich vor 15 Jahren den "Inneren Kampfkünsten" zu. Den Chen-Stil des Tai Chi Chuan studierte er bei Meister Jan Silberstorff in Hamburg, bei dem er sich laufend weiterbildet. Nun unterrichtet er ihn selbst. "Ich will allen, die ein Interesse daran verspüren, die Basis des Chen Tai Chi Chuan vermitteln. Meine Vision ist es, in Kassel einen neuen Platz zu schaffen, an dem Tai Chi Chuan gelehrt und gelebt wird, an dem möglichst viele Menschen die Gelegenheit haben, unter professioneller Anleitung Tai Chi Chuan zu ihrer eigenen Erfahrung zu machen und auf diesem Wege zu mehr Glück und Zufriedenheit zu finden", sagt Fabian.

Tai Chi Chuan bedeute eben nicht nur einen geraden Rücken, gutes Stehvermögen und harmonische Bewegungen, sondern sei eine "stets zu verbessernde Lebensaufgabe". Es fällt ihm nicht schwer, starke Parallelen zwischen Übungen und Alltag zu ziehen: Der Clou bei Partnerübungen wie dem "Tuishou", einem gegenseitigen Schieben, sei es z. B., dass es ab einem gewissen Niveau keinen "Anderen" mehr gebe: Die Auseinandersetzung weiche der Verbindung mit dem Gegenüber. "Wenn ich diese Eigenart auf das Leben im Allgemeinen übertrage, so stellt sich die wunderbare Essenz des Tai Chi Chuan dar", sagt Fabian: "Gehe ich in meinem Leben eine bewusste Verbindung mit allen Situationen ein, mit denen ich konfrontiert werde, nehme ich alles rechtzeitig wahr, so werde ich nicht überrollt und fühle mich nicht als Opfer. Vielmehr kann ich ohne Gewalt führen und lenken. Ich muss nicht gegen etwas ankämpfen, sondern nehme es auf und entschärfe den Konflikt. Die Folge ist, dass mein Leben harmonischer und leichter verläuft ... Je klarer der Geist, je sensibler die Sinne, desto leichter das Leben."

Was so vermeintlich simpel und eingängig klingt, ist allerdings die Frucht jahrelanger Erfahrung und einer strengen Disziplin. Bei Armin Fabian beginnt der Tag nach dem Aufstehen mit Meditation, nach dem Frühstück läuft er bis in den Nachmittag seine Formen, dann unterrichtet er in einem Übungsraum in der Kasseler Heckerstraße. Wer wirklich etwas von Tai Chi Chuan erfahren wolle, sei zu einer gewissen Askese gezwungen, meint er. Doch dürfe man Tai Chi Chuan keinesfalls dogmatisieren - Maß und Intensität bestimme jeder Übende individuell und ein Rhythmus stelle sich ohnehin wie von selbst ein. Nichts dürfe man zu streng sehen, aber auch nichts zu locker ­ womit wir wieder bei dem Spiel zwischen Yin und Yang wären.


Marcus Angebauer
Veröffentlicht in (K)KulturmagazinŠ, 12. Jahrgang, März 2006, S. 36f, Verlag M. Faste, Ochshäuser Straße 45, D-34123 Kassel